Zwischen Klarheit und Kontemplation: Keisers „Markuspassion“ überzeugend interpretiert

Die Christuskirche in Neuss ist am Karfreitag traditionell ein Ort der Konzentration, der Einkehr und der musikalischen Verdichtung. In diesem Jahr stellte sich das Vokalensemble der Evangelischen Stadtgemeinde einer besonderen Herausforderung: Reinhard Keisers selten aufgeführte „Markuspassion“, ein Werk, das im Schatten der Bach’schen Passionen steht und gerade deshalb eine eigenständige interpretatorische Handschrift verlangt.

Schon in den ersten Takten wurde deutlich, dass sich das Vokalensemble dieser Verantwortung bewusst war. Der Eingangschor entfaltete eine klare, beinahe spröde Klanglichkeit, die weniger auf überwältigende Emotionalität als auf strukturelle Durchhörbarkeit zielte. Diese Entscheidung erwies sich als klug: Keisers Musik lebt nicht von der monumentalen Wucht, sondern von der rhetorischen Präzision, vom Wechsel zwischen erzählerischer Eindringlichkeit und kontemplativer Verlangsamung.

Das Ensemble unter der routinierten Leitung von Kantorin Katja Ulges-Stein überzeugte insbesondere durch seine homogene Stimmführung. Die einzelnen Register wurden von ihr sorgfältig austariert, ohne dass dabei die Transparenz verloren ging. In den Turba-Chören – jenen dramatischen Zuspitzungen, in denen das Volk spricht – gelang eine bemerkenswerte Schärfung der Affekte. Hier zeigte sich das Ensemble beweglich und textnah, mit klarer Diktion und spürbarer dramatischer Spannung.

Die Solistinnen und Solisten fügten sich insgesamt überzeugend in das Klangbild ein. Bruno Michalke (Tenor): Als Evangelist trug er die Erzählung mit präziser Diktion und stilistischer Sicherheit vor; seine Darstellung blieb sachlich fokussiert und gewann gerade daraus an Eindringlichkeit. Besonders hervorzuheben ist seine Fähigkeit, die erzählerische Linie auch in längeren Passagen aufrechtzuerhalten – eine nicht zu unterschätzende Leistung in einem Werk, das weniger bekannt und damit weniger „verinnerlicht“ ist als die großen Passionen anderer Komponisten.

Lena Graetz (Sopran): Mit klarem, schlank geführtem Sopran und sicherer Höhe überzeugte sie vor allem in den lyrischen Passagen; ihre Stimme verband Leuchtkraft mit kontrollierter Zurücknahme.

Uwe Brandt (Bass): Mit sonorer Autorität und klar konturierter Linienführung gestaltete er seine Partien der Jesus-Worte souverän; besonders in den tieferen Lagen überzeugte seine Stimme durch Präsenz, Ruhe und Eindringlichkeit.

Johanna Killewald (Alt): Ihr warmer, tragfähiger Alt verlieh den Arien eine besondere Erdung; die Phrasierung war durchdacht, der Ausdruck von großer emotionaler Tiefe geprägt – insbesondere bei dem anrührenden Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“.

Die Arien boten insgesamt viele Momente der inneren Sammlung. Hier zeigte sich, wie sehr das Ensemble auf musikalische Differenzierung setzte: Statt opernhafter Ausladung dominierten kontrollierte Ausdruckskraft und eine feine dynamische Abstufung. Auch dies sei erwähnt: Nicht jeder Einsatz war vollkommen frei von Intonationsunschärfen, doch fügten sich diese kleinen Unebenheiten in ein insgesamt stimmiges, lebendiges Gesamtbild.

Bemerkenswert ist auch, dass Kantorin Ulges-Stein die zahlreichen Nebenrollen von Keisers Werk – wie Hauptmann, Hoherpriester, Judas, Kriegsknecht, Magd, Petrus, Pilatus – auf Mitglieder des Vokalensembles verteilte. So entstand eine abwechslungsreiche, klangliche Vielfalt mit belebenden Akzenten des bekannten Handlungsstrangs.

Das Instrumentalensemble – offenbar bewusst schlank besetzt – unterstützte diese Ästhetik der Klarheit. Mario Stein bildete an der Coninuo-Orgel ein verlässliches Fundament, während die obligaten Instrumente die Affekte der Arien sensibel ausleuchteten.

Was diese Aufführung letztlich auszeichnete, war ihre Haltung: kein demonstrativer Anspruch auf Größe, sondern eine ernsthafte, konzentrierte Annäherung an ein Werk, das seine Wirkung aus der Balance von Erzählung und Meditation bezieht. In der akustisch dankbaren, zugleich aber auch fordernden Atmosphäre der sehr gut besuchten Christuskirche entstand so eine Interpretation, die weniger spektakulär als vielmehr überzeugend in ihrer inneren Logik war.

Am Ende blieb kein überwältigendes Pathos, sondern eine stille, nachhaltige Eindringlichkeit – vielleicht genau das, was man an einem Karfreitag erwarten darf.

 

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