Karfreitagsmusik 2026

Karfreitagsmusik 2026

Zwischen Klarheit und Kontemplation: Keisers „Markuspassion“ überzeugend interpretiert

Die Christuskirche in Neuss ist am Karfreitag traditionell ein Ort der Konzentration, der Einkehr und der musikalischen Verdichtung. In diesem Jahr stellte sich das Vokalensemble der Evangelischen Stadtgemeinde einer besonderen Herausforderung: Reinhard Keisers selten aufgeführte „Markuspassion“, ein Werk, das im Schatten der Bach’schen Passionen steht und gerade deshalb eine eigenständige interpretatorische Handschrift verlangt.

Schon in den ersten Takten wurde deutlich, dass sich das Vokalensemble dieser Verantwortung bewusst war. Der Eingangschor entfaltete eine klare, beinahe spröde Klanglichkeit, die weniger auf überwältigende Emotionalität als auf strukturelle Durchhörbarkeit zielte. Diese Entscheidung erwies sich als klug: Keisers Musik lebt nicht von der monumentalen Wucht, sondern von der rhetorischen Präzision, vom Wechsel zwischen erzählerischer Eindringlichkeit und kontemplativer Verlangsamung.

Das Ensemble unter der routinierten Leitung von Kantorin Katja Ulges-Stein überzeugte insbesondere durch seine homogene Stimmführung. Die einzelnen Register wurden von ihr sorgfältig austariert, ohne dass dabei die Transparenz verloren ging. In den Turba-Chören – jenen dramatischen Zuspitzungen, in denen das Volk spricht – gelang eine bemerkenswerte Schärfung der Affekte. Hier zeigte sich das Ensemble beweglich und textnah, mit klarer Diktion und spürbarer dramatischer Spannung.

Die Solistinnen und Solisten fügten sich insgesamt überzeugend in das Klangbild ein. Bruno Michalke (Tenor): Als Evangelist trug er die Erzählung mit präziser Diktion und stilistischer Sicherheit vor; seine Darstellung blieb sachlich fokussiert und gewann gerade daraus an Eindringlichkeit. Besonders hervorzuheben ist seine Fähigkeit, die erzählerische Linie auch in längeren Passagen aufrechtzuerhalten – eine nicht zu unterschätzende Leistung in einem Werk, das weniger bekannt und damit weniger „verinnerlicht“ ist als die großen Passionen anderer Komponisten.

Lena Graetz (Sopran): Mit klarem, schlank geführtem Sopran und sicherer Höhe überzeugte sie vor allem in den lyrischen Passagen; ihre Stimme verband Leuchtkraft mit kontrollierter Zurücknahme.

Uwe Brandt (Bass): Mit sonorer Autorität und klar konturierter Linienführung gestaltete er seine Partien der Jesus-Worte souverän; besonders in den tieferen Lagen überzeugte seine Stimme durch Präsenz, Ruhe und Eindringlichkeit.

Johanna Killewald (Alt): Ihr warmer, tragfähiger Alt verlieh den Arien eine besondere Erdung; die Phrasierung war durchdacht, der Ausdruck von großer emotionaler Tiefe geprägt – insbesondere bei dem anrührenden Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“.

Die Arien boten insgesamt viele Momente der inneren Sammlung. Hier zeigte sich, wie sehr das Ensemble auf musikalische Differenzierung setzte: Statt opernhafter Ausladung dominierten kontrollierte Ausdruckskraft und eine feine dynamische Abstufung. Auch dies sei erwähnt: Nicht jeder Einsatz war vollkommen frei von Intonationsunschärfen, doch fügten sich diese kleinen Unebenheiten in ein insgesamt stimmiges, lebendiges Gesamtbild.

Bemerkenswert ist auch, dass Kantorin Ulges-Stein die zahlreichen Nebenrollen von Keisers Werk – wie Hauptmann, Hoherpriester, Judas, Kriegsknecht, Magd, Petrus, Pilatus – auf Mitglieder des Vokalensembles verteilte. So entstand eine abwechslungsreiche, klangliche Vielfalt mit belebenden Akzenten des bekannten Handlungsstrangs.

Das Instrumentalensemble – offenbar bewusst schlank besetzt – unterstützte diese Ästhetik der Klarheit. Mario Stein bildete an der Coninuo-Orgel ein verlässliches Fundament, während die obligaten Instrumente die Affekte der Arien sensibel ausleuchteten.

Was diese Aufführung letztlich auszeichnete, war ihre Haltung: kein demonstrativer Anspruch auf Größe, sondern eine ernsthafte, konzentrierte Annäherung an ein Werk, das seine Wirkung aus der Balance von Erzählung und Meditation bezieht. In der akustisch dankbaren, zugleich aber auch fordernden Atmosphäre der sehr gut besuchten Christuskirche entstand so eine Interpretation, die weniger spektakulär als vielmehr überzeugend in ihrer inneren Logik war.

Am Ende blieb kein überwältigendes Pathos, sondern eine stille, nachhaltige Eindringlichkeit – vielleicht genau das, was man an einem Karfreitag erwarten darf.

 

Einen Link zur medialen Begleitung der lokalen Kulturredaktion finden Sie hier.

Kritik ohne Sitzkissen

Kritik ohne Sitzkissen

Das Jubiläumskonzert der Kantorei der Evangelischen Stadtgemeinde Neuss am 9. November 2025 war ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie musikalische Arbeit und gemeinschaftliches Engagement das kulturelle Leben einer Stadt bereichern können – auch wenn sich die mediale Würdigung und Begleitung der lokalen Kulturredaktion einer monatelangen und hoch engagierten Kulturarbeit darauf beschränkt über Sitzkissen zu schreiben (siehe Lokalzeitung vom 10.11.2025).

Das Konzert begann mit der „Tragischen Ouvertüre“ d-Moll op. 81. Sie gehört zu Brahms wichtigsten Orchesterwerken. Die „Tragische Ouvertüre“ ist geprägt von Ernst, Dramatik und großer innerer Spannung und endet nicht mit pathetischem Bombast, sondern mit resignierender Zurücknahme, was sie von vielen anderen Orchesterwerken der Romantik unterscheidet. Das Orchester Rheinklang Düsseldorf zog die Zuhörenden von Beginn an effektvoll mit den markanten Akkordschlägen und dem  folgenden düsteren Hauptthema in den Bann der Brahms‘ schen Musiksprache.

Die Aufführung von Brahms‘ „Deutschem Requiem“ stellt Chor, Solisten, Orchester und Dirigentin vor besondere musikalische und interpretatorische Herausforderungen. Das Werk verlangt vom Chor Ausdruckskraft, Disziplin und Ausdauer, da die Sätze technisch und dynamisch anspruchsvoll sind. Neben großen Tuttipassagen müssen die Chorstimmen in den lyrischen und leisen Momenten sensible Klangnuancen und Textverständlichkeit bewahren. Ebenso fordert Brahms eine durchgehende Spannung bis zum letzten Takt. Die Solopartien für Sopran und Bariton sind emotional und technisch anspruchsvoll, verlangen große Ausdrucksvielfalt, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, mit dem Chor und Orchester zu verschmelzen, ohne den eigenen Part zu verlieren.​ Gleichzeitig muss die Dirigentin auf größtmögliche Transparenz und Balance achten, um das vielschichtige musikalische Material zwischen Chor, Solisten und Orchester zusammenzuführen.

Katja Ulges-Stein überzeugte in der Christuskirche mit einer klugen, differenzierten Interpretation des Requiems, die sowohl auf Detailreichtum als auch auf klangliche Balance setzte. Die Dirigentin wusste das Orchester Rheinklang Düsseldorf sicher und transparent zu führen und verstand es, die komplexe Dynamik des Brahms’schen Werkes sensibel zu gestalten. Das Ensemble folgte ihren Zeichen mit Präzision und musikalischem Einfühlungsvermögen, wodurch große Spannungsbögen und feine Nuancen gleichermaßen zur Entfaltung kamen.

Mit Elisa Rabanus (Sopran) und Christoph Scheeben (Bariton) wirkten zwei exzellente Solisten mit, die durch Klarheit, Ausdruck und musikalische Sensibilität überzeugten. Ihre Gesangspartien waren von großer Tiefe und Emotionalität geprägt und ergänzten die Chorteile vorbildlich. Das Orchester Rheinklang Düsseldorf bildete einen zuverlässigen, farbenreichen Klangkörper, der sowohl in den lyrischen als auch in den dramatischen Momenten des Werks glänzte und den Chor dabei beispielhaft unterstützte.

Der Chor ist fast pausenlos Träger des musikalischen Geschehens und repräsentiert die Gemeinschaft sowie die emotionale Botschaft des Werkes. Mit klarer Textverständlichkeit, dynamischer Gestaltungsfähigkeit und präziser Polyphonie sorgten die Mitglieder der Kantorei sowie musikbegeisterte Projektsingende in einer Sangesstärke von immerhin 60 Personen dafür, dass sowohl Monumentalität als auch Intimität im Klangbild entstehen konnten. Die Stimmen blieben – ob im zurückhaltenden Piano oder im kräftigen Forte – weitestgehend transparent, klanglich homogen und dennoch beweglich.

Die intensive musikalische Vorbereitung der Kantorei fand im Jubiläumskonzert ihren Höhepunkt und machte die emotionale und tröstende Kraft von Brahms‘ Werk für die Zuhörenden individuell erlebbar. Die Anwesenden in der gut besetzten Christuskirche bedankten sich für dieses besondere Hörerlebnis bei allen Mitwirkenden mit langanhaltendem Applaus.